Katharinenbild – Eine Legende aus dem Spessart von Hugo Vogt

Friedlich kommt der Main durch die ersten Spessartberge, mit denen er bereits gute Freundschaft geschlossen, daher geschwommen. Durch die Wellen blinzelnd sieht er auf ein Talhalbrund, in dem zwei frische Forellenbäche, die Lohr und der Rechtenbach, zu ihm stoßen. Fröhlich begrüßt er die kleine Stadt Lohr, die sich zwischen den Bächen, den Bergen und dem Fluss eingenistet und deren Lage durch den verständigen Wanderer oft bewundert wird.

Nun ist es heute noch so: In der frommen Stadt Lohr und in den weitum in den Bergen versteckten Spessartdörflein wird die heilige Katharina als eine besonders hartnäckige und daher erfolgreiche Fürsprecherin beim lieben Gott angesehen und dementsprechend mit hohen Ehren bedacht. Auch laufen aus diesem Grund dort viele Frauensleut´ herum, die auf den Namen Katharina und seine mundartlichen Ableitungen hören und die, Ehre wem Ehre gebühret, auch meistens wirklich nicht uneben ausschauen. Manches Bild der mächtigen Heiligen ziert die Stubenwände und in einer der so anheimelnden Gaststätten der Stadt blickt sie in Lebensgröße als Relief von der Decke, mit der linken Hand krampfhaft ihr Rad sowie einen himmlischen Siegespalmenzweig, mit der rechten ein gewichtiges Schwert haltend. Das Gesicht, welches der ländliche Künstler ihr verlieh, gleicht aufs Haar dem ungemein hoheitsvollen, der Maria-Theresia, weiland Kaiserin von Österreich zu schneiden pflegte, wenn sie mit dem alten Fritz von Preußen Krach und Krieg hatte.(Dies war fortlaufend der Fall, obschon und obwohl sie gar nicht miteinander verheiratet waren.)

Wie auch sonst an besagter Decke die heilige Katharina dargestellt ist, groß und kräftig von Gestalt, sieht sie ganz darnach aus, als ob sie aus ihrem länglichrundem Lorbeerkranz heruntersteigen und etwaige Radaumachende oder schlimme Redensarten führende Gäste mit eigener Hand mit eigener Hand die hohe Treppe außen am Haus hinunterbefördern könnte. Ich mag jedoch nicht glauben, dass derartiges zu befürchten ist, denn die Frühschöpplestrinker und Äpfelweingenießer der vortrefflichen Stadt Lohr sind brave Leut´. Andererseits ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass in dieser gemütlichen Stube die Heilige an der Decke schon allerhand gehört hat, ziemlich viel gewöhnt ist und sich daher nicht mehr unnötig aufregt.

Was übrigens das vorhin erwähnte Rad anlangt, so handelt es sich nicht etwa um ein Fahrrad (wie der unerfahrene Leser vielleicht meinen könnte), sondern um ein Galgenrad mit erschrecklich spitzen Dornen. Denn auf ein solches flocht man die Heilige, weil sie zu brav und fromm gewesen was, wie mir glaubhaft versichert wurde, zu Lebzeiten der heiligen Katharina höchst verdächtig war und von der Behörde, insbesondere dem römischen Landpfleger, ungern gesehen wurde.

Nach dieser etwas langen aber notwendigen Einführung lasset uns zu einem anderen Bild der Ehr- und Tugendsamen wandern.
Auf einem der breit angelegten Bergrücken, die sich gegen die Stadt Lohr und das Maintal strecken, kreuzen sich zwei alte Waldwege. Auf haargenau demselben Fleck läuft noch eine Forststraße hinzu, die aus dem Tal der Lohr durch einen langen, langen Grund nach Ruppertshütten will. Dies Dörflein oder, besser gesagt, die paar Hütten, liegen am Ende der Welt und die Jäger, die sich bekanntlich durch ganz besondere Wahrheitsliebe auszeichnen, behaupten, man könne am Abend, besonders wenn es windstill sei, hören, wie sich dort die Wölfe und Füchse der Gegend Gutenacht sagten.

An einem so einsamen Platz wie dem oben geschilderten, an dem so viele Wege auseinander gehen, ist natürlich ein Wegweiser notwendig, damit der irdische Wanderer die ihm taugliche Richtung einschlage.

Zum Beispiel: dass er nicht wie schon geschehen, in Partenstein im Gasthaus zum Hirschen am Busen der Frau Löwer landete, falls er beabsichtigte, nach dem freilich etwas weiter aber sehr lieblich gelegenen Gnadenort Maria Buchen zu wallfahren.
Solch ein Weiser ist auch vorhanden und auf ihm, inmitten eines kapitalen Hirschgeweihs, leuchtet das Standbild der heiligen Katharina, weshalb der Platz folgerichtig, kurz und gut Katharinenbild heißt.

Das aus Eisen gegossene Bildnis, schön mit Ölfarbe bemalt, schützt und segnet den meilen-, den tageweit unübersehbar sich nach allen Richtungen ausdehnenden Wald und die langen Bergzüge, darauf er rauscht und grünet. Auch die paar seltenen Wanderer, der einsame Jäger, die scheuen Wilddiebe samt ihren Drahtschlingen und Abschraubgewehren, die laut fluchenden Fuhrleute mit ihren schnaubenden Pferden, das magere Zugvieh der Spessarter Kühbauern, nicht zuletzt das Hochwild, die Rehe, die Hasen, die grimmigen Wildsauen, alles, alles was dort vorüberzieht oder vorbeiwechselt, bekommt ihren Segen ab. Trotz der nahen Wildsuhle ist aber der Platz sehr einsam und die Heilige hat oft tagelang, im Winter wochenlang nichts zu tun; doch sie ist zufrieden und denkt auch nicht darüber nach, welche unbewusste und sinnige Vereinigung alter germanischer Götterverehrung mit christlichem Glauben ihr Standbild inmitten eines gediegenen Zwölfergeweihes darstellt. Auf alle Fälle aber verdirbt sie dem Teufel, der sich um Mitternacht an solchen Kreuzwegen mit besonderer Vorliebe aufhalten soll, den Spaß und würde ihm sicherlich gewaltig in seine höllische Suppe spucken, falls er vor dem Wegweiser Quartier zu beziehen gedächte. Es steht nämlich, was dem faulen Teufel recht passen könnte, dem Weiser schräg gegenüber zwischen alten Buchen eine feste Bank, die müden Wanderer bequeme Sitzgelegenheit bietet und zur Rast verlockt.

Es war ein schöner Sommerabend. Die Drosseln riefen gerade ihre letzten Strophen über die Wälder hin, Ringeltauben rucksten in langen Pausen, die Rotkehlchen ließen ihre zarten Kadenzen in die Schonungen fallen. Da begab es sich, dass der Välte (Valentin) aus Ruppertshütten daherkam und sich auf die Bank setzte, nicht ohne vorher das verwaschene Hüttlein vor der heiligen Kathrin gerückt und ein paar grüne Zweige in die Hirschstangen geflochten zu haben. Välte, der Holzhauer, hatte für den Herrn Forstmeister einen Rehbock in die Stadt getragen. Der Weg hat so seine geschlagenen zweieinhalb Stunden, geht bergauf und bergab, die Hitze war groß gewesen und dementsprechend fiel der Durst aus. Aus diesem Grund hatte der sonst sehr sparsame Välte einen Teil seines Botenlohnes in der zu Anfang erwähnten Gaststube in einigen Schoppen angelegt und hinter seinen verschwitzten Hemdkragen gegossen. Rechtschaffen müde ließ er sich auf die Bank plumpsen und dachte noch schnell vor dem Einschlafen an seinen Schatz, die Kätt, dann an seine Armut und wie schlecht infolgedessen die Aussichten waren, zusammenzukommen. Seufzte dann im Schlaf zu wiederholten Malen so herzbrechend, dass es einen Stein erbarmen musste. Denn ihm fiel überdies im Traum sein einziges Kühlein noch ein, das einen Eckpfeiler der künftigen Familie bilden sollte, das aber der Salomon Windheimer wieder holen würde, wenn er den Abschlag nicht pünktlich entrichten konnte. Unserer lieben Heiligen, die zwar aus Eisen war, jedoch ein liebreiches, ja geradezu mütterliches Herz hatte, setzte das Geseufze und Gestöhn des Välte dermaßen zu dass sie schließlich aus ihrem hohen Stand hernieder schwebte, nachdem sie sorglich ihr Rad, ihr Erkennungszeichen, an eines der mächtigen Enden des Hirschgeweihes gehängt hatte. Sie nahm die Gestalt der Kätt, die Välte so gern hatte, an, setzte sich neben ihn und legte sanft den Arm um seinen Hals. Dies ist zwischen Liebenden so üblich und es kann daher nicht verwundern, dass der Välte die Gestalt fest an sich drückte und schließlich sein sorgenvolles Haupt an ihre Brust bettete. So saß nun die heilige Katharina, eng umschlungen von den Armen des Välte eine ganze Weile und fühlte nichts anderes, als dass es doch schön sei, zu leben und zu einen anschmiegsamen Buben, lieb und nett und kraushaarig, auf dem Schoß zu haben. Dann erschrak sie über diese, nach ihrer Ansicht sündigen Gedanken und ihre Reuetränen flossen auf das verstrubbelte Haar ihres Anbeters und Schützlings. Davon kam fröhliche Zuversicht dem guten Välte ins Herz und er war plötzlich und durchaus überzeugt, dass der Herrgott schon ein Einsehen haben würde und dass jedenfalls auch der Herr Forstmeister (dieser kommt in den Spessartdörfern gleich nach dem lieben Gott und dem Pfarrer) um einen Ausweg aus den Nöten eines Holzhauers nicht verlegen sei.

Allmählich begann der Schlummernde sich zu regen und rief, von einem Windstoß aus der Höhe, der den Abend kündete, völlig wach geworden, vergeblich nach seiner Kätt, weshalb er annahm, dass er geträumt habe. Denn die Heilige war hurtig auf ihren Wegweiser geflüchtet, hatte ihre Kleider, die etwas in Unordnung geraden waren, wieder in die richtigen Falten gelegt und sich in die gewohnte und überdies angegossene Positur gestellt. Leider hatte sie bei ihrer Flucht vergessen, auf die Pfützen und den tiefen roten Sand der Wege zu achten, weshalb an Schuhsohlen und Kleidersaum (man trug zu Lebzeiten der heiligen Katharina die Röcke länger als heutzutag) Spuren von Erdenstaub haften blieben.

Dem Sonntagskind, das vorbeigeht und dem Bild die ihm zukommende Ehre antut, dem ist vergönnt zu sehen, wie heute noch ein bisschen Sand an Schuhspitze und Rocksaum haftet. Jedoch, ihr dürft ohne Sorge sein, dem Ansehen der heiligen Katharina hat dieser Vorfall weder im Himmel noch auf Erden geschadet, woraus zu schließen, dass gelegentlich auch eine himmlische Heilige lieb und nett mit einem armen Teufel sein darf. (Aus „Heimatland“ Heimatkundliche Beilage zur Lohrer Zeitung, Ausgabe vom September 1937)

Dazu einige Auszüge aus einem Artikel aus dem Lohrer Echo vom 19. Januar 2002:

Wo sind die Hirschhörner geblieben?
Die gusseisernen Geweihstangen am Katharinenbild wurden in der Vergangenheit mehrmals gestohlen
Lohr. Wenn sich Lohrer Bürger auf den Weg zum Katharinenbild im Lohrer Stadt-Wald machen, dann sagen sie meist noch heute: „Wir gehen zu den Hirschhörnern.“ Am Ziel, beim Katharinenbild, gibt es jedoch seit mehr als 20 Jahren keine Hirsch-hörner mehr. Sie wurden gestohlen, wie schon zwei identische Vorläufer.

Die Hirschhörner waren aus Gusseisen gefertigt- ebenso die heilige Katharina- stammten aus der Fabrikation der Firma Rexroth. 1872 wurde der markante Wegweiser an diesem historischen Wegekreuz aufgestellt; es ist nicht mehr zu klären, wer dies seinerzeit veranlasste. Die Schutzhütte errichtete 1936 das damalige Forstamt Ruppertshütten.

Weiterhin wird vermerkt, dass der Platz wo der Wegweiser und die Schutzhütte stehen, befindet sich auf rund 415 Meter Höhe. Dort verläuft auch die Grenze zwischen Lohrer Stadtwald und Staatswald. Die Waldstraße nach Ruppertshütten hat dort ihren höchsten Punkt erreicht. Sie kreuzt eine Höhenstraße von Lohr zur Bayerischen Schanz.
Bereits in der Pfinzing-Karte vom Spessart, die im Staatsarchiv Nürnberg aufbewahrt wird, wurde als Orientierungspunkt innerhalb der ausgedehnten Waldungen des Ostspessarts der „Groß Erleporn“ aufgeführt. Nur einige Steinwürfe vom Katharinenbild entfernt befindet sich nämlich bis heute diese gefasste Quelle. Was lag also näher, als eine solch unverwechselbare und eindeutige Landmarke für die Grenzziehung zu verwenden!

Diese erste große Karte vom Spessart wird auf 1550 datiert und reicht noch in die Rieneckische Zeit zurück.
Im Staatsarchiv Würzburg wird eine farbige Landkarte aus dem Jahr 1595 aufbewahrt, die zu einem dicken Akt gehört, in welchem der jahrhunderte alte Streit zwischen Lohr und Partenstein um das so genannte Gemeine Gemärk festgehalten ist. In dieser Karte ist dort, wo heute das Katharinenbild steht, eine größere Rodungsinsel eingezeichnet. Darin ist ein von einem mächtigen Holzgitter umgebener Baum eingezeichnet, der einen markierten Grenzbaum darstellt. In alter Zeit hat man mächtige Bäume, die auf der Grenze standen, mit „Schmitzen“, also eindeutigen Markierungen, versehen, um den Grenzverlauf kenntlich zu machen.